DAVID SCHNELL

FENSTER

 

10. März bis 18. Juni 2017

 

 

 

 

Großformatige Leinwandarbeiten von David Schnell (geb. 1971), der als Maler und Grafiker der „Neuen Leipziger Schule“ bekannt wurde, stehen im Fokus der ersten großen Museumsausstellung des Künstlers in der Region: Das MKM Museum Küppersmühle zeigt rund 60 von Schnells Landschaftsvisionen, die an virtuell implodierende Cyberräume von Computerspielen erinnern. Anhand von Arbeiten aus den letzten zehn Jahren, darunter fünf neue Gemälde, die David Schnell eigens für die Ausstellung im MKM geschaffen hat, zieht die umfangreiche Werkauswahl eine Zwischenbilanz seines Schaffens.

 

Eine der neuen Arbeiten – Fenster – stand Pate für den Titel der Ausstellung. Sie ist charakteristisch für die Intention des Künstlers, der traditionellen Tafelmalerei eine aktuelle Sprache zu geben und den Blick für neue Welten zu öffnen, ohne die vorhandene zu leugnen. Schnells Arbeiten verorten sich dabei wie selbstverständlich zwischen der Malerei der Renaissance und der digitalen Bildwelt. Inhalte und Mittel könnten klassischer nicht sein, und doch ist das, was wir sehen, in höchstem Maße von jetzt, ja eher noch von morgen. „Schnells (Stadt-)Landschaften bewegen sich mit einem Bein im Cyberspace. Je länger man die Bilder betrachtet, desto mehr fügen sich die Einzelteile vor unserem Auge zu einer eigenständigen digitalen Welt: Computergrafiken, Pixel, Chiffrierungen und perspektivische Fluchten wie in animierten Filmen oder Spielen. Der Einfluss der digitalen Medien auf Schnells Werk ist nicht zu übersehen, (…).“, meint MKM-Direktor Walter Smerling.



Momente zwischen (geordnetem) Vorher und (chaotischem) Nachher

Schnells stark perspektivisch angelegte Landschaftsgemälde aus dem letzten Jahrzehnt saugen den Blick des Betrachters ungebremst in die Szenerie. Natürliche Motive wie Bäume, Sträucher, Gräser und Himmel gegenüber zivilisatorischen Bildobjekten wie Bretter, Gebäude oder Straßen lösen sich in ihre Bestandteile auf und durchdringen einander in einem unentwirrbaren Raumgeflecht. Sie vermitteln sowohl eine Ahnung des ursprünglichen Zustands als auch die Vision kompletter Auflösung von Landschaftsgefügen. „Aufgrund der Leinwandgrößen und der vom Künstler virtuos angelegten, oft polyfokalen Perspektiven empfindet man sich von Schnells Bildern umfangen, inmitten unglaublich weiter Bildräume, die optisch und rational nicht fassbar, geschweige denn erklärbar sind. Ohne festen Standort oder Halt irren wir suchend durch eine sich zoomartig immer weiter ausdehnende Landschaft, in der Gegenstände, ja ganze Gegenden zu explodieren scheinen. Ein traumvisionärer Zustand stellt sich ein, in dem man sich selbst und die eigene Position als losgelöst von allen bisherigen Sicherheiten wahrnimmt.“ (Eva Müller-Remmert, Kuratorin).




Gratwanderungen und Gegensätze

Ausgehend von Gemälden aus den Jahren 2007/08, wie etwa Thermik (2007) oder Bucht (2008) als frühe Beispiele für Schnells sich zunehmend befreiendes Raumgefüge, begleitet die Ausstellung den Künstler auf seinem Weg des Auslotens der Grenzen zwischen darstellender und gegenstandsloser Malerei. Dabei kombiniert und variiert der Maler seine Motive und Farben, Bildformate in Detailausschnitten oder groß angelegten Panoramen. Schon früh gibt es in Schnells Bildern auch das Motiv der Stangen, wie etwa bei Code und Depot aus dem Jahr 2008. Gleichzeitig entstehen weitaus freiere, naturhaftere Landschaften, als ob der Künstler sich von der Strenge und Geometrie des Aufbaus seiner anderen Bildansätze absetzen wolle – ein Wunsch nach Gegensatz, der sich auch in der Wahl der Farben von Bildern wie Orange (2009), Blau (2010) oder auch Nest (2012) offenbart.




Schnells erst vor kurzem entstandene (Groß-)Formate für die Ausstellung im MKM wie Fenster (2016/17) oder Palais (2017) entsprechen den neuen Motivfindungen aus dem vergangenen Jahr. Es sind architektonisch-geometrische Raumschluchten, die man mit engen, südländischen Altstadtgassen assoziiert, wie sie dem Maler von seinem Rom-Aufenthalt 2013 anlässlich eines Villa Massimo-Stipendiums in Erinnerung geblieben sind. Sie
fügen sich nahtlos in die hohen, lichten Räume des MKM mit seinen schmalen Durchgängen und ebenso engen, deckenhohen Fensterschlitzen ein. David Schnells aktuelle Bilder zeigen die folgerichtige Fort-entwicklung eines Künstlers, der zu Anfang dieses Jahrtausends als einer der jungen Protagonisten der sogenannten „Neuen Leipziger Schule“ international bekannt wurde. Heute besetzt David Schnell eine ganz eigenständige künstlerische Position, hervorgegangen aus seiner Biografie, einer qualitätvollen Hochschullehre und in konsequenter persönlicher Weiterentwicklung.                  

Neben den großen Ölgemälden vermitteln zwölf Radierungen die Bedeutung der grafischen Arbeiten für das künstlerische Werk von David Schnell. Eine Beamer-Präsentation seines 2013 realisierten Entwurfs eines Blumenteppichs für die italienische Blumenprozession "infiorata" in Genzano di Roma vervollständigt den Ausstellungsrundgang.





BIOGRAFIE

David Schnell (geb. 1971, Bergisch Gladbach) studiert von 1995 bis 2000 Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo er anschließend bis 2002 Meisterschüler bei Arno Rink ist. 2001 erhält er das Sächsische Landesstipendium, 2013 führt ihn ein Stipendium der Villa Massimo nach Rom, 2016 das Eduard-Arnhold-Stipendium in der Wilhelm Kempff Akademie in Positano erneut nach Italien. Ab dem Jahr 2000 werden Schnells Arbeiten in zahlreichen Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Einzelausstellungen u.a. in Leipzig, Goslar und Hannover, in London, Puerto Rico und Den Haag folgen. Auch Kunstprojekte im öffentlichen Raum gehören zu seinem Werk, darunter insbesondere Kirchenfenster-gestaltungen für die Leipziger Thomaskirche (2009), die Johanneskapelle auf dem Naumburger Domfriedhof (2014) und jüngst der Gewinn des Wettbewerbs für die Fenstergestaltung in der Kölner Christuskirche.

David Schnell lebt und arbeitet in Leipzig.